Autor: timetravel0r

  • wachsende Schulden

    In meinem Leben war ich sowohl unter- als auch übergewichtig. In beiden Phasen wurde mein Körper kommentiert, bewertet, eingeordnet. Selten beiläufig, oft exzessiv. Diese Erfahrungen machten mir den gesellschaftlichen Druck greifbar, der entsteht, wenn fremde Ideale zum Maßstab für den eigenen Körper werden.

    Die schiere Präsenz von Social Media und des sozialen Umfelds in unserem Alltag prägt unsere Selbstwahrnehmung. Dieser Einfluss ist kein rein individuelles Phänomen, sondern Ausdruck einer neuzeitlichen Denkweise, die sich auch philosophisch beschreiben lässt.

    Es gibt Körper, die zählen.
    Schritte. Wiederholungen. Kalorien.
    Um präsentabel zu werden.
    Und wir nennen das Fortschritt.

    Selbstobjektifizierung

    In More Than a Body beschreiben Lexie und Lindsay Kite einen Körper, der zunehmend von außen betrachtet wird. Der Körper wird nicht mehr primär gelebt, sondern bewertet.
    Er erscheint als etwas, das optimiert, kontrolliert und korrigiert werden muss. Nicht mehr: Ich bin mein Körper, sondern: Ich habe einen Körper. Einen, der sichtbar, leistungsfähig, vorzeigbar sein soll. Dieses Phänomen, das Übernehmen dieser Außenperspektive des eigenen Körpers, bezeichnen die Autorinnen als Selbstobjektifizierung.

    Interessanterweise wird diese Objektifizierung selten als Zwang empfunden. Sie tarnt sich als Selbstbestimmung. Die permanente Beschäftigung mit dem eigenen Körper fühlt sich dabei wie Fürsorge an, Verantwortung, manchmal sogar wie Freiheit. Doch sie bindet Aufmerksamkeit, Energie und Selbstwert an etwas, das ständig unter Beobachtung steht. Den Körper als Projekt.

    Schuldanhäufung

    In seinem Buch Agonie des Eros beschreibt Byung-Chul Han diesen Mechanismus als Logik der Leistung und der Selbstverschuldung. In der Leistungsgesellschaft wird der Mensch nicht mehr von außen diszipliniert, sondern optimiert sich freiwillig selbst. Schuld entsteht nicht durch Versagen gegenüber Regeln, sondern durch das Gefühl, nie genug geleistet zu haben.

    Diese Logik greift auch am Körper. Er wird zum Ort des permanenten Potenzials. Immer könnte er fitter sein, attraktiver, disziplinierter. Nicht weil er es muss, sondern weil er es könnte. Gerade darin liegt die Gefahr.

    Han beschreibt, dass das „Du kannst“ mächtiger ist als das „Du sollst“. Ein Gebot lässt sich verweigern, ein Verbot umgehen. Möglichkeiten hingegen sind schwerer zurückzuweisen. Wer könnte, aber nicht handelt, erscheint sich selbst als verantwortlich für das eigene Versäumnis. Schuld entsteht nicht aus Ungehorsam, sondern aus unterlassener Selbstverwirklichung.

    Du könntest trainieren.
    Du könntest dich besser ernähren.
    Du könntest produktiver, sichtbarer, attraktiver sein.

    Aber es gibt kein Ziel: Wann bist du fit genug? Wann bist du attraktiv genug?

    Der Körper schuldet dem Ideal immer noch etwas: mehr Disziplin, mehr Kontrolle, mehr Einsatz. Er ist nie fertig, nie ausreichend, nie entlastet. So häuft sich Schuld an. Sie äußert sich nicht als Verbot, sondern als Unruhe. Nicht als Strafe, sondern als Müdigkeit.

    Hegels Dialektik und Byung-Chul Han [Vertiefung]

    Byung-Chul Han übersetzt Hegels Dialektik von Herr und Knecht in die Gegenwart, indem er beide Figuren in einer Person zusammenführt. Der Mensch der Leistungsgesellschaft ist zugleich Herr und Knecht seiner selbst. Er befiehlt und gehorcht.

    Im Unterschied zu Hegels Knecht führt die Arbeit hier jedoch nicht zur Befreiung. Es gibt kein Gegenüber, an dem sich Widerstand oder Anerkennung bilden könnte. Die Anstrengung richtet sich nach innen, die Ausbeutung ebenso. Der Knecht arbeitet, aber er arbeitet für denselben Herrn, der ihn antreibt, der er selbst ist.

    So entsteht ein Subjekt, das sich selbst optimiert, diszipliniert und kontrolliert, ohne Aussicht auf Emanzipation. Herrschaft wird internalisiert, Zwang erscheint als Freiheit, und die Dialektik kommt zum Stillstand.

    Du könntest mehr, oder?

    Sexiness wird so zu einer Form von Kapital. Nicht als Lust, sondern als Leistungsnachweis.
    Ein sexy Körper signalisiert Disziplin, Kontrolle, Verfügbarkeit. Er verspricht soziale Anschlussfähigkeit, Begehren, Anerkennung. Doch dieses Kapital ist fragil.
    Es muss ständig erneuert werden, sonst verliert es an Wert.
    Insbesondere ist das Alter eine unwiderrufliche Inflation.

    Jede Pause wirkt wie ein Rückstand. Jede Abweichung wie ein Schuldeneintrag. Der Körper wird zum Ort permanenter Selbstabrechnung. Training, Ernährung, Selbstkontrolle erscheinen nicht mehr als Optionen, sondern als Verpflichtungen.
    Die Schulden wachsen in Müdigkeit, Scham und Selbstobjektifizierung.

    Hier berühren sich Agonie des Eros und More Than a Body.
    Während die Kites die Objektivierung des Körpers beschreiben, liefert Han die Logik dahinter. Ein System, in dem der Körper aus freien Stücken zugleich Kapital und Schuldträger ist.
    Er soll sichtbar, leistungsfähig und sexy sein, bleibt dabei aber stets im Minus.


    Im Spiegel sehe ich keinen Körper, der mir begegnet. Ich sehe einen, der funktioniert.
    Einer, der besser werden kann. Schlanker, stärker, effizienter.
    Er antwortet auf Befehle, auf Pläne, auf Apps.
    Er widerspricht selten.
    Wenn er schmerzt, dann nicht als Warnung, sondern als Hinweis darauf, dass etwas wirkt.


    Also haltet kurz inne und fragt euch, was ihr wirklich für euch tut.
    Ob ihr andere mit Kommentaren in diesen Kreislauf drängt.
    Das Leben ist schwer genug. Gebt acht aufeinander.

  • Der Funke – Abyss

    Inspiriert durch das Debüt-Album „Abyss“ von Navy (Westghost) schrieb ich über die Monate eine kleine Geschichte, die meine wesentlichen Gedanken zum Werk wiederspiegelt.

    Ich kam auf Navy durch Young Kira, kurze Zeit nachdem ich TJ_beastboy entdeckte.
    Mein erstes Konzert war sogar von den Westghosts, einer Rap-Gruppe, bei dem ich unter anderem den „alten“ Navy erleben durfte. Abyss ist einer meiner Lieblingsalben vom „neuen“ Navy, er vollzog einen Soundwechsel seit seinem Debüt im Jahre 2023.
    Die Atmosphäre ist dabei melancholisch, mystisch als auch träumerisch.

    Ich kann euch den Künstler nur ans Herz legen und er tourt zurzeit durch Deutschland, also hört ihn euch gerne an, wo auch immer.



    Der Funke, der nicht übersprang

    Eine gähnende Leere erstreckte sich durch den Raum.
    So weit das Auge reichte, nährte sich die Schwärze.
    Ein Funke, kurz die Umgebung erhellend - irrte umher.
    Seine Glieder schmerzten, doch weder Anfang noch Ende sah er.
    Ein Rauschen im Hintergrund klang wie Stimmen der aus Ferne.
    Der Fokus des Universums, so schien es, bündelte sich in seinem Traum.

    Ich wünschte, ich hätte sagen können, dass ich ihm verzeihe.
    Es ist wohl zu spät.

    Wach auf - es neigt sich dem Ende zu. Doch wofür?
    Vielleicht ist selbst der Drang, seine Zeit sinnvoll zu nutzen, eine Illusion.
    Werte, Normen und Regeln. Ist das der Anfang oder ist es das Ende?

    Der Funke fiel, vor langer Zeit, in einen Abgrund.
    Tief, einsam, von einem Schwarzen Loch umringt.
    Keine Flucht, kein Ausweg und im Zentrum: Nichts.

    Sollte er nicht selbst die Leere füllen?
    Oder füllt sie längst ihn?
    Eine Frage, die in Vergessenheit geriet.

    Eine Kälte machte sich breit.
    Nebelschwaden aus Hass stiegen lautlos empor.
    Die Gefühlsdimension blieb unberührt: die Fassade gänzlich starr.
    Längst verschwommene Erinnerungen wirkten wie Wärmespender.
    Sie gaben Halt, für einen Moment.

    Mit der Zeit gewöhnte sich der Funke.
    An das Nichts. An sich.
    Sein Leuchten: nur ein Flimmern in der Abwesenheit.

    Selbst Sterne, die vom Dunkeln verschlungen wurden, haben Momente der Erleuchtung.
    Sie versuchten ihn zu warnen, indem sie seinen Namen schrien.
    Er bemerkte sie kaum. Ein Blick reichte, um sie auszulöschen.
    Die Schreie hallten, ein Rauschen erzeugend.

    War seine Existenz noch in der Realität angesiedelt?
    Hier schien Raum und Zeit auf dem Kopf zu stehen.
    Wie weit tauchte der Funke noch in die Finsternis?
    Er fiel tiefer und tiefer hinein.

    Andere schienen nicht betroffen.
    Sie zitterten auf anderen Wellenlängen.
    Das Loch zog sie nicht an.
    Und irgendwie, leuchteten sie bunt.

    Er blickte auf das Lichtermeer.
    Ein Wunsch, die Distanz wahrend.
    Versunken, im Gedanken der Einheit.
    Auf ewig verdammt - Isolation.

    Nichts war ihm genug.
    Der Tatendrang überschattete die Müdigkeit, periodisch.
    Jede Handlung war dennoch vergebens.
    Die Erfolge, auf die er sich stützte, mikroskopisch.

    Letzte Zweifel überkamen den Lichtpartikel.
    Hilfe schien ein dunkles Konzept.
    Stabilität und Harmonie.
    Chaos und Dissonanz.
    Sind Extreme alles, was er zu kennen vermochte?

    Irgendwann wird alles verschlungen.
    Die Sonne verglüht.
    Die ewige Eiszeit beginnt.
    Die Welt endet.

    Ein ermüdender Schleier legte sich um den Funken.
    Ein letzter Widerstand. Zwecklos.
    Tiefer Schlaf ist das letzte Mittel derjenigen,
    die sich gegen die Gesetze der Natur auflehnen.

  • Quallen

    Quallen sind majestätische Wesen, die seit Urzeiten durch die Meere schweben. Für viele Menschen sind Quallen vor allem ein lästiges Hindernis im Urlaub, oft sogar mit einer gewissen Angst verbunden. Dabei sind die meisten Arten harmlos für uns, weshalb ich versuche, neue Seiten der Nesseltiere zu beleuchten.

    Das Auge blickt weit,
    farbige Kuppeln schimmern,
    die Wellen brechen

    Was sind Quallen?

    Quallen zeichnen sich durch einen meist durchsichtigen, glibberigen Körper und Tentakeln mit Nesselzellen aus. Die Zellen helfen ihnen, Beute zu fangen und mit Gift zu lähmen. Ihre Form ähnelt einem Schirm oder einer Glocke, symmetrisch sind sie radial.
    Viele Arten können schwimmen, indem sie ihren Schirm zusammenziehen, andere lassen sich einfach treiben. Sie ernähren sich hauptsächlich von Plankton.

    Nesselzellen

    Nesselzellen sind spezialisierte Kapseln, die eine mikroskopisch kleine Harpune enthalten. Diese wird nicht nur durch mechanische Reize wie Druck ausgelöst, sondern kann auch auf bestimmte chemische Signale, darunter Hormone, reagieren. Beim Abschuss beschleunigt sich die Harpune mit einer Kraft, die das 40.000-Fache der Erdbeschleunigung erreicht, dringt in das Opfer ein und injiziert ein Gift. Doch selbst ein Streifschuss kann schmerzhaft sein, da die Oberfläche der Harpune ebenfalls toxisch ist.

    Falls ihr jemals von einer Qualle gestochen werdet, kann Essig helfen, verbleibende, noch nicht aktivierte Nesselzellen zu neutralisieren. Allerdings ist Vorsicht geboten, da falsche Maßnahmen die Situation verschlimmern können. Glücklicherweise lösen die meisten Quallenstiche lediglich Hautirritationen oder Juckreiz aus, wenn überhaupt.

    Feinde

    Obwohl Quallen scheinbar schwerelos durch die Ozeane gleiten und nur wenige natürliche Feinde haben, sind sie keineswegs unantastbar. Ihre größten Jäger sind Meeresschildkröten, allen voran die Lederschildkröte, die sich fast ausschließlich von ihnen ernährt. Auch der Mondfisch macht Jagd auf sie, während einige Fischarten gelegentlich an ihren schleimigen Körpern knabbern. Untereinander gibt es ebenso keine Rücksicht, manche Quallen sind kannibalistisch und fressen kleinere oder geschwächte Artgenossen.

    Delikatesse

    Doch nicht nur das Tierreich verspeist sie gerne, in einigen Teilen Japans und auch in Malaysia werden einige Arten von Quallen als Essen serviert. In Malaysia wird beispielsweise die „Sea Tomato“ gegessen, die aufgrund von Farbe, Größe und Form so heißt, nicht wegen des Geschmacks. Traditionell werden die Tentakel abgetrennt und der Körper zunächst gesalzen und danach in der Sonne getrocknet. Nach dem Trocknen wird dieser in Streifen geschnitten und mit einer Sauce oder Gewürzen abgerundet.

    Medien

    Oft liest man Berichte über Quallen an Stränden, die Menschen vergiften, oder sieht Bilder riesiger Exemplare, die schockieren sollen. Das eigentliche Problem wird oft übersehen: Die meisten Arten sind so klein, dass sie kaum wahrnehmbar sind. Gerade diese winzigen Arten verstopfen Rohrsysteme und bringen Maschinen zum Stillstand. Andererseits wird spekuliert, dass es jährlich knapp 100 Tote durch das Nesselzellengift gibt. Das ist zwar nicht unbedeutend, aber längst kein Grund für Panikmache. Ihre wahre Bedrohung liegt in ganz anderen Faktoren.

    Jellyfication

    Wenn man an zukünftige Probleme der Menschheit denkt, sind Quallen so gut wie nie auf der Liste. Allerdings gibt es einige Gründe, weshalb seit Jahrzehnten die Anzahl der Quallen immer weiter in die Höhe schießt und sie damit zu einem zentralen Problem der nächsten Generationen werden.

    Erderwärmung: Quallen lieben die Wärme, daher stört es sie auch nicht, wenn die Meere allmählich erwärmen, im Gegenteil, alle Lebensformen, die es nicht aushalten, machen Platz für jene, die es aushalten.

    Überfischung: Da der Mensch die Meere weltweit überfischt, schrumpfen die Fischbestände kontinuierlich. Wenn weniger Fische um Plankton konkurrieren, bleibt mehr für Quallen übrig. Dadurch verkürzt sich ihr Lebenszyklus, und sie bringen mehr Polypen hervor. Diese ernähren sich ebenfalls vom Plankton und setzen ebenso verschnellert neue Quallen in die Welt.

    Plastikverschmutzung: Selbst die Tonnen an Plastik im Meer helfen den Quallen, während alle anderen Lebewesen darunter leiden. Je größer das Plastik, desto besser. Freiflächen im Ozean sind durchaus rar, doch durch die künstlich Geschaffenen, können sich die Polypen öfter absetzen und somit mehr Quallen produzieren.

    Eutrophierung: Die Menschheit hat die Angewohnheit, jeglichen Müll sowie Dünger und Exkremente über das Grundwasser oder durch Kläranlagen ins Meer zu leiten. Zwar werden Kläranlagen immer effizienter, doch die Landwirtschaft bleibt ein großes Problem. Die übermäßige Nährstoffzufuhr führt zu einem regelrechten Plankton-Boom. Die Mikroorganismen vermehren sich explosionsartig, verbrauchen dabei große Mengen an Sauerstoff und entziehen ihn dem Wasser. Infolgedessen entstehen sauerstoffarme oder gar sauerstofffreie Zonen, sogenannte „Todeszonen„, in denen Fische und andere Meeresbewohner nicht überleben können. Quallen profitieren von diesen Bedingungen. Sie sind äußerst anpassungsfähig, können mit wenig Sauerstoff auskommen und nutzen den Rückgang ihrer natürlichen Feinde, um sich weiter zu vermehren. So trägt die Eutrophierung dazu bei, dass Quallenpopulationen ungebremst wachsen und zunehmend die Ökosysteme der Meere dominieren.

    Versäuerung des Ozeans: Durch den steigenden CO2-Ausstoß, von dem das Meer etwa 50 % absorbiert, nimmt der Sauerstoffgehalt im Ozean ab.

    Kuriositäten

    Interessanterweise besitzen Quallen einen Gastralraum, Aufnahme sowie Ausscheidung von Nahrung geschieht durch eine Öffnung. Doch auch Nährstoffe werden darin verteilt.

    Die Quallenart Cassiopea legt sich verkehrt herum auf den Boden, obwohl sie schwimmen kann, weil es effizienter ist das Plankton mit den Nesselzellen zu fangen, Effizienz oder Faulheit?

    Es gibt eine Technik (GFP), mit der Krebszellen durch grüne, fluoreszierende Proteine markiert werden, die ihren Ursprung in der Qualle, Aequorea victoria, findet.

    Rippenquallen sind keine echten Quallen, sie besitzen keine Nessel-, sondern Klebzellen. Somit sind sie ungiftig und versuchen ihre Gegner zu ersticken, alle anderen Eigenschaften treffen dennoch auf sie zu.

    Der Mensch lernt es nicht

    Quallen sind nur einer der Lebensformen da draußen, die durch den Menschen maßgeblich beeinflusst werden. Wie so oft steht dem Menschen die Hybris im Weg, sich die Welt zum Untertan zu machen. Ungeachtet dessen, den Lebensraum ganzer ökologischer Systeme und seinen eigenen dabei zu zerstören.
    Ich hoffe, wenn ihr das nächste Mal eine Qualle seht, dass ihr diese bewundern könnt.
    Deshalb appelliere ich hier an die Vernunft des Lesers und bitte euch, eure Umwelt mit Respekt zu behandeln.

    Weitere Quellen:

    Allgemein: https://www.amazon.de/-/en/Jellyfish-Natural-History-Lisa-ann-Gershwin/dp/022628767X

    Jellyfication: https://www.tagesschau.de/wissen/
    klima/jellyfication-100.html

    Süßwasser-Quallen: http://freshwaterjellyfish.org/

  • unsichtbare Bilder – Aphantasia

    Als Kind dachte ich immer, dass „Schäfchen zählen“ eine Metapher dafür sei, sich stumpf in den Schlaf zu zählen. Nie hätte ich mir denken können, dass Menschen tatsächlich Schafe vor ihrem inneren Auge sehen.

    Die Bilder meiner Kindheit

    Es ist leicht zu glauben, dass unsere Wahrnehmung der Realität für alle gleich ist. Oft braucht es einen prägnanten Reiz, um uns zum Hinterfragen des Erlebten zu bringen. Meine erste bewusste Erinnerung daran stammt aus meiner Grundschulzeit.
    Eine Lehrerin wollte mit uns eine Entspannungsübung machen: „Stellt euch einen Urlaubsort vor – wie ihr am Strand seid, das Meer seht und den Wind auf eurer Haut spürt.“
    Ich saß da und fragte mich, was das Ganze soll. Kinder ruhig halten – okay. Aber warum auf diese Art? Niemand kann sich so etwas vorstellen. Zumindest dachte ich das eine lange Zeit.

    Erst mit 16 erfuhr ich, dass es ungewöhnlich ist, es nicht zu können.

    Aphantasia

    Das Phänomen nennt sich Aphantasia. Es gibt verschiedene Ausprägungen: manche Menschen können keine Bilder sehen, andere keine Geräusche oder Gerüche in ihrer Vorstellung abrufen. Für Betroffene ist das normal, bis sie irgendwann feststellen, dass die meisten Menschen mit geschlossenen Augen nicht einfach nur Schwarz sehen (hier ein simpler Test).
    Schätzungsweise sind nur etwa 4 % der Bevölkerung betroffen, doch diese Zahl könnte höher sein. Das Phänomen wurde zwar 1880 von Francis Galton das erste Mal beschrieben, doch bis 2015 interessierte sich kaum jemand dafür. Erst in den letzten Jahren hat die Forschung begonnen, sich intensiver mit dieser Merkwürdigkeit zu beschäftigen.
    Es gibt zwar einige Studien zu der Thematik, jedoch sind sie noch voller Widersprüche, und klare Aussagen sind relativ schwierig zu tätigen. In Online-Diskussionen wird mit einigen Fakten umhergeworfen, die weder eindeutig bestätigt noch widerlegt sind. Aufgrund dessen werde ich hier keine Stellung zu diesen beziehen.

    Was mich betrifft, träume ich interessanterweise in Bildern, obgleich nur einige Male im Jahr. Doch in meiner Vorstellung gibt es keine Bilder, keine Musik und auch keine Gerüche. Ich „erinnere“ mich zwar an diese, aber abspielen oder aufrufen kann ich nichts davon.
    Träume geben mir nur einen Einblick, wie es wäre, sich willentlich Bilder vorstellen zu können.
    Zudem gestaltet es sich schwierig anderen zu erklären, woher ich „weiß“ was ich meine.
    Für mich ist es wie einen Wikipedia-Eintrag zu laden, sobald ich eine Assoziation habe, kann ich auf alle Gedankenmuster zu diesem Thema zugreifen.
    Jeder Betroffene entwickelt seine eigenen Bewältigungsstrategien.

    Wer mehr über solche Unterschiede erfahren möchte, dem lege ich das Buch Aphantasia ans Herz.

    Auswirkungen

    Die wohl größte Folge ist ein schlechtes autobiografisches Gedächtnis.
    Das Meiste aus meinem Leben weiß ich kaum noch, gedanklich habe ich meine Biografie wie die wichtigsten Stichpunkte über irgendein Thema im Kopf.
    Das ist wohl einer der Gründe, warum ich ein Wortmensch bin. Dieser Blog ist ein gutes Beispiel, ich nutze kaum Bilder, weil sie mir keinen visualisierenden Nutzen verschaffen.
    Ich mache seit Jahren auch Musik und finde es faszinierend, dass Menschen sich Töne im Voraus vorstellen können. Das beeinträchtigt mich jedoch nicht in meiner Fähigkeit, mich musikalisch auszuleben.
    Tagträumen ist für mich eine reine Erzählstunde in meinem Kopf, während „Kopfkino“ eine Metapher für eine negative Assoziation ist. Ohne Bild kein Kino, das konkludiert die Auswirkungen auf mein Leben schon.

    Fazit
    Abschließend möchte ich sagen, dass ich meinen Umstand nicht als Belastung empfinde, sondern als Besonderheit. Damit will ich natürlich sonst niemandem den erlebten Leidensdruck absprechen.

    Vielleicht konntest du hiermit gar nichts anfangen oder hast sogar einen „Aha-Moment“ erlebt, weil du dich wiedererkannt hast. In beiden Fällen, bedenke immer die Alternative. Seine Mitmenschen verstehen zu lernen, ist eine Tugend, die wir fördern sollten.

  • Cold Reading – Informationsgewinnung

    Willkommen zum 2. Teil der Serie „Cold Reading“:

    1. Charakter
    2. Informationsgewinnung <-
    3. Zukunftsvorhersagen
    4. Fakten bzw. Ereignisse

    Hier nochmal ein Anstoß das Buch von Ian Rowland zu lesen, aus dem ich die meisten Informationen beziehe.
    In diesem Beitrag lernst du, wie du Informationen aus deinem Gesprächspartner extrahieren kannst.

    direkte Frage:
    Zunächst der Klassiker. Einfach nach der spezifischen Information fragen. Alleine ziemlich nutzlos, wenn es um die Verschleierung geht, aber mit weiteren Techniken durchaus brauchbar, z.B. mit der Sherlock-Strategie oder der umleitenden Frage.

    versehentliche Frage:
    Eine Art Fragen zu stellen, die gar nicht als „Fragen“ wahrgenommen werden. Dabei sind W-Fragen während einer Séance denkbar, wie: „Weißt du, warum das der Fall ist?“ oder „Weißt du, auf wen ich abziele?“. Interessanterweise werden solche „Fragen“ im Nachhinein oft als richtige Aussagen gewertet. Funktioniert auch super mit Feedback-Fragen: „Das hat eine Bedeutung für dich, oder?“.

    verschleierte Frage:
    Eine Technik, bei der Fragen als Aussagen getarnt werden. Dies kann als Erweiterung der versehentlichen Frage gebraucht werden, wenn wir das letzte Beispiel zu „Ich fühle, dass das eine Bedeutung für dich hat.“ umwandeln. Auch ein Satz wie „Der Name … scheint eine Verbindung zu dir zu haben.“ ist naheliegend. Das wird ebenso nicht als Frage, sondern als beeindruckende Erkenntnis gewertet.

    umleitende Frage:
    Eine zuvor erlangte Information wird an einer anderen Stelle aufgegriffen und oder deduktiv verwendet. Leicht zu realisieren sind Informationen zum Beruf des Gegenübers, wenn „Du bist in der Mathematik tätig?“ einen Treffer erzielt, kann ein beispielsweise ein Fokus auf Rationalität oder Logik deduziert werden.

    Jargon Blitz:
    Die Technik beschreibt die Verwendung von so viel „Fachwissen und Fachsprache“, dass dies als indirekte Aufforderung für Feedback verstanden wird. Funktioniert auch prima mit ausgedachtem Jargon, solange dieser glaubwürdig klingt. Verursacht wird das durch kognitive Überladung, die keine Zeit lässt, jedes Wort im Kontext zu analysieren und erzeugten Respekt, aufgrund vermeintlicher Expertise in einer Thematik. Ein passendes Beispiel könnte aus einer Verbindung von psychologischen, esoterischen und astrologischen Begriffen zustande kommen: „Ihre Lebensphase zeigt typische Anzeichen von kognitiver Dissonanz durch operante Konditionierung in der frühen Kindheit, als ihr Sternchakra noch nicht vollständig ausgebildet worden war.“.

    verschwindende Negativität:
    Hierbei wird eine Frage, unabhängig der Antwort, als Treffer gewertet.
    Es gibt es 3 Schritte, die befolgt werden können:

    Verstärkung

    Erweiterung

    Ein denkbares Beispiel könnte lauten: „Du arbeitest nicht mit Tieren, oder?“.
    Sollte die Antwort nein lauten, kann einfach „Hab ich mir gedacht (Bestätigung). Für die Tierwelt bist du nicht ausgelegt… (Verstärkung)“ gesagt werden.
    Falls sie allerdings ja lautet, wird stattdessen „Ja, das dachte ich mir. Du bist ein großer Freund von Tieren…“ behauptet.
    Die Aussage kann dann erweitert werden, indem Menschen angesprochen werden.
    Bei der Tieraffinität kann der Zusammenhang gelten, dass diese Person nicht so gut mit Menschen klarkommt, während es bei fehlender Affinität zu Tieren einen großen Hang zu Menschen geben kann.
    Das negative Anhängsel, nämlich das „nicht“, wird in den meisten Fällen einfach vergessen, erinnert wird sich nur an die „richtige“ Vorhersage.

    Sherlock-Strategie:
    Für Krimi-Fanatiker durchaus das bedeutungsvollste Angebot. Es werden Deduktionen basierend auf Beobachtungen getätigt, dazu gehören Mimik, Gestik und Auffälligkeiten. Da ich mich hier auf Rhetorik konzentriere, achten wir hier auf das Vokabular des Gegenübers.
    Exemplarisch betrachten wir den Wortschatz von jemandem aus der Business-Welt, vielleicht fällt das Wort „Effizienz“, „Briefing“, „Meeting“ oder weitere Begriffe, die einen Business-Soziolekt vermuten lassen. Selbiges gilt für Menschen aus den Sozial-, Sport- und anderen Bereichen. Auch die Intonation sowie Satzstruktur gibt vielleicht Auskunft über die Herkunft oder das Umfeld des Gegenübers. Allerdings ist hier Vorsicht geboten, es kann leicht zu Fehlschlüssen aufgrund fehlender Informationen oder unterbewusster Stereotypen kommen.

    Matrjoschka:
    Eine Aussage mit mehreren Bedeutungsebenen, um die größtmöglichste Wahrscheinlichkeit zu erzeugen, richtig zu liegen. Es kommen viele Begriffe infrage, die bedeutungsschwanger sind:
    Tochter -> biologisch, Patentochter, symbolisch, Freundin, Elternrolle, adoptiv, …
    Hunger -> Willenskraft, tatsächlicher Hunger, Appetit, …
    Die Aussagen sind also absichtlich vage, um eine Rettung im Nachhinein als intendiert darzustellen oder sein Gegenüber selbst einen Bezug finden zu lassen.