In meinem Leben war ich sowohl unter- als auch übergewichtig. In beiden Phasen wurde mein Körper kommentiert, bewertet, eingeordnet. Selten beiläufig, oft exzessiv. Diese Erfahrungen machten mir den gesellschaftlichen Druck greifbar, der entsteht, wenn fremde Ideale zum Maßstab für den eigenen Körper werden.
Die schiere Präsenz von Social Media und des sozialen Umfelds in unserem Alltag prägt unsere Selbstwahrnehmung. Dieser Einfluss ist kein rein individuelles Phänomen, sondern Ausdruck einer neuzeitlichen Denkweise, die sich auch philosophisch beschreiben lässt.
Es gibt Körper, die zählen.
Schritte. Wiederholungen. Kalorien.
Um präsentabel zu werden.
Und wir nennen das Fortschritt.
Selbstobjektifizierung
In More Than a Body beschreiben Lexie und Lindsay Kite einen Körper, der zunehmend von außen betrachtet wird. Der Körper wird nicht mehr primär gelebt, sondern bewertet.
Er erscheint als etwas, das optimiert, kontrolliert und korrigiert werden muss. Nicht mehr: Ich bin mein Körper, sondern: Ich habe einen Körper. Einen, der sichtbar, leistungsfähig, vorzeigbar sein soll. Dieses Phänomen, das Übernehmen dieser Außenperspektive des eigenen Körpers, bezeichnen die Autorinnen als Selbstobjektifizierung.
Interessanterweise wird diese Objektifizierung selten als Zwang empfunden. Sie tarnt sich als Selbstbestimmung. Die permanente Beschäftigung mit dem eigenen Körper fühlt sich dabei wie Fürsorge an, Verantwortung, manchmal sogar wie Freiheit. Doch sie bindet Aufmerksamkeit, Energie und Selbstwert an etwas, das ständig unter Beobachtung steht. Den Körper als Projekt.
Schuldanhäufung
In seinem Buch Agonie des Eros beschreibt Byung-Chul Han diesen Mechanismus als Logik der Leistung und der Selbstverschuldung. In der Leistungsgesellschaft wird der Mensch nicht mehr von außen diszipliniert, sondern optimiert sich freiwillig selbst. Schuld entsteht nicht durch Versagen gegenüber Regeln, sondern durch das Gefühl, nie genug geleistet zu haben.
Diese Logik greift auch am Körper. Er wird zum Ort des permanenten Potenzials. Immer könnte er fitter sein, attraktiver, disziplinierter. Nicht weil er es muss, sondern weil er es könnte. Gerade darin liegt die Gefahr.
Han beschreibt, dass das „Du kannst“ mächtiger ist als das „Du sollst“. Ein Gebot lässt sich verweigern, ein Verbot umgehen. Möglichkeiten hingegen sind schwerer zurückzuweisen. Wer könnte, aber nicht handelt, erscheint sich selbst als verantwortlich für das eigene Versäumnis. Schuld entsteht nicht aus Ungehorsam, sondern aus unterlassener Selbstverwirklichung.
Du könntest trainieren.
Du könntest dich besser ernähren.
Du könntest produktiver, sichtbarer, attraktiver sein.
Aber es gibt kein Ziel: Wann bist du fit genug? Wann bist du attraktiv genug?
Der Körper schuldet dem Ideal immer noch etwas: mehr Disziplin, mehr Kontrolle, mehr Einsatz. Er ist nie fertig, nie ausreichend, nie entlastet. So häuft sich Schuld an. Sie äußert sich nicht als Verbot, sondern als Unruhe. Nicht als Strafe, sondern als Müdigkeit.
Hegels Dialektik und Byung-Chul Han [Vertiefung]
Byung-Chul Han übersetzt Hegels Dialektik von Herr und Knecht in die Gegenwart, indem er beide Figuren in einer Person zusammenführt. Der Mensch der Leistungsgesellschaft ist zugleich Herr und Knecht seiner selbst. Er befiehlt und gehorcht.
Im Unterschied zu Hegels Knecht führt die Arbeit hier jedoch nicht zur Befreiung. Es gibt kein Gegenüber, an dem sich Widerstand oder Anerkennung bilden könnte. Die Anstrengung richtet sich nach innen, die Ausbeutung ebenso. Der Knecht arbeitet, aber er arbeitet für denselben Herrn, der ihn antreibt, der er selbst ist.
So entsteht ein Subjekt, das sich selbst optimiert, diszipliniert und kontrolliert, ohne Aussicht auf Emanzipation. Herrschaft wird internalisiert, Zwang erscheint als Freiheit, und die Dialektik kommt zum Stillstand.
Du könntest mehr, oder?
Sexiness wird so zu einer Form von Kapital. Nicht als Lust, sondern als Leistungsnachweis.
Ein sexy Körper signalisiert Disziplin, Kontrolle, Verfügbarkeit. Er verspricht soziale Anschlussfähigkeit, Begehren, Anerkennung. Doch dieses Kapital ist fragil.
Es muss ständig erneuert werden, sonst verliert es an Wert.
Insbesondere ist das Alter eine unwiderrufliche Inflation.
Jede Pause wirkt wie ein Rückstand. Jede Abweichung wie ein Schuldeneintrag. Der Körper wird zum Ort permanenter Selbstabrechnung. Training, Ernährung, Selbstkontrolle erscheinen nicht mehr als Optionen, sondern als Verpflichtungen.
Die Schulden wachsen in Müdigkeit, Scham und Selbstobjektifizierung.
Hier berühren sich Agonie des Eros und More Than a Body.
Während die Kites die Objektivierung des Körpers beschreiben, liefert Han die Logik dahinter. Ein System, in dem der Körper aus freien Stücken zugleich Kapital und Schuldträger ist.
Er soll sichtbar, leistungsfähig und sexy sein, bleibt dabei aber stets im Minus.
Im Spiegel sehe ich keinen Körper, der mir begegnet. Ich sehe einen, der funktioniert.
Einer, der besser werden kann. Schlanker, stärker, effizienter.
Er antwortet auf Befehle, auf Pläne, auf Apps.
Er widerspricht selten.
Wenn er schmerzt, dann nicht als Warnung, sondern als Hinweis darauf, dass etwas wirkt.
Also haltet kurz inne und fragt euch, was ihr wirklich für euch tut.
Ob ihr andere mit Kommentaren in diesen Kreislauf drängt.
Das Leben ist schwer genug. Gebt acht aufeinander.
Schreibe einen Kommentar